Ethische Diskussions-Regeln

50 (eigentlich selbstverständliche) Ratschläge für erkenntnisorientierte (Internet-)Diskussionen

  1. Kläre und präzisiere – soweit möglich – die Frage, die beantwortet werden soll, bevor Du eine Diskussionsrunde eröffnest.
  2. Erkläre, warum Dir die Beantwortung der Frage wichtig ist und zur Lösung welcher Probleme die Diskussion beitragen soll.
  3. Behalte immer die Beantwortung der Ausgangsfrage im Auge und verliere Dich nicht in Nebenfragen.
  4. Verzichte auf die Erörterung von Punkten, die nicht zur Sache gehören, auch wenn sie interessant sein mögen.
  5. Konzentriere Dich auf die zentralen Punkte. Du musst nicht alles richtigstellen, was irgendjemand an Falschem eingebracht hat.
  6. Unterscheide deutlich zwischen Beiträgen zur Sache und sonstigen Beiträgen (wie Zusammenfassungen des bisherigen Diskussionsverlaufs, Vorschlägen zum weiteren Vorgehen, Bemerkungen zum Verhalten von Diskussionsteilnehmern etc.)
  7. Frage Dich bei jedem Beitrag selbstkritisch, ob Deine Argumente so formuliert sind, dass der Andere sie auch verstehen und nachvollziehen kann.
  8. Wenn Du eine These mit sehr abstrakten Begriffen einbringst, veranschauliche das Gemeinte möglichst durch ein einfaches Beispiel.
  9. Führe – falls nötig – Schlussfolgerungen in ihren einzelnen logischen Schritten aus, indem Du angibst, welche Sätze logisch aus welchen anderen Sätzen folgen.
  10. Vermeide eine stark wertende und zugleich informationsarme Bildersprache. Die abfällige Beschreibung einer Position ist noch keine begründete Kritik daran.
  11. Kläre und präzisiere – soweit im aktuellen Zusammenhang nötig – die für die Fragestellung zentralen Begriffe.
  12. Vermeide den unfruchtbaren Streit um Wörter und deren Bedeutung.
  13. Erläutere und definiere – falls gefordert – Begriffe, die Du eingebracht hast.
  14. Erläutere in jedem Fall jene Wörter, die Du nicht im üblichen Sinne verwendest.
  15. Verlange nur dann die Erläuterung oder Definition eines Begriffes, wenn die Gefahr von Missverständnissen oder Fehlschlüssen besteht.
  16. Kennzeichne nicht weiter begründete Prämissen – falls nötig – als Setzungen, die bei Bedarf begründet werden können.
  17. Behaupte nichts, ohne es – falls gefordert – begründen zu können.
  18. Argumentiere nicht mit Prämissen, die Du nicht in Frage stellen lässt.
  19. Verlange vom Andern nur dann eine Begründung für eine Behauptung, wenn Du an dieser Behauptung einen begründeten Zweifel hast.
  20. Berufe Dich nicht auf Beweise, die Du nicht selber wiedergeben kannst. Verweise auf Bücher und Internetadressen können die Argumentation hier und jetzt nicht ersetzen.
  21. Berufe Dich nicht auf Autoritäten, wenn Du deren Position nicht selber wiedergeben kannst.
  22. Dass andere Deiner Meinung sind, mag Dir gefallen. Dies ist jedoch noch kein inhaltliches Argument zugunsten Deiner Meinung. Zitate sind keine Beweise.
  23. Vermeide kurzatmige Argumente nach Art eines Schlagabtausches. Das Wenigste lässt sich in ein bis zwei Sätzen belegen oder widerlegen. Argumentiere immer in vollständigen Sätzen.
  24. Vermeide lange Beiträge zu verschiedenen Punkten, weil dann letztlich kein Punkt gründlich erörtert werden kann.
  25. Wenn Dein Beitrag zahlreiche Punkte enthält, bemühe Dich besonders um eine übersichtliche Gliederung.
  26. Behandle jeden Punkt in einem eigenen Abschnitt und mach bei Beginn eines neuen Gedankens einen Absatz.
  27. Wiederhole ein Argument nur dann, wenn jemand das Argument nicht verstanden oder übersehen hat.
  28. Gib Deine Quelle an, wenn Du Tatsachen behauptest.
  29. Mach bei Deinen Argumenten deutlich, welche These damit gestützt bzw. angegriffen werden soll. Dies ist vor allem dann sinnvoll, wenn Du etwas weiter ausholen willst.
  30. Bevor Du irgendjemanden kritisierst, vergewissere Dich, ob Du ihn auch richtig verstanden hast. Formuliere im Zweifelsfall seine Position zur Probe mit Deinen eigenen Worten.
  31. Falls Du nicht sicher bist, ob Du jemanden richtig verstanden hast, beginne Deine Kritik mit den Worten: „Wenn ich Dich richtig verstanden habe, so behauptest Du, dass …“.
  32. Verzichte auf billige Erfolge in der Widerlegung von Positionen, die so niemand vertreten hat.
  33. Beschränke Dich auf die Kritik an der Richtigkeit von Behauptungen und verzichte auf anderweitige Kritik wie: „… ist nicht neu“, „… ist nicht wichtig“, „… ist nicht interessant“, „… ist gefährlich“, „… ist banal“, „… langweilt mich“, „… ist überhaupt keine Philosophie“ oder ähnliches. Ausnahme: „Was Du sagst, hat mit der hier diskutierten Frage nichts zu tun“.
  34. Kritisiere Positionen und nicht Personen. Aus den Eigenschaften von Diskussionsteilnehmern kann logisch niemals die Wahrheit oder Falschheit der strittigen Behauptungen folgen. Mangelnde Schärfe der eigenen Argumente kann nicht durch Schärfe der persönlichen Angriffe ersetzt werden.
  35. Prüfe Argumente unabhängig davon, wer sie eingebracht hat und mit welcher Absicht er dies getan haben mag.
  36. Bedenke immer: Es geht um die besseren Argumente und nicht um den besseren Menschen.
  37. Schreib statt: „Deine Behauptung, dass …, ist unhaltbar“ lieber: „Die Behauptung, dass …, ist unhaltbar“.
  38. Sei Dir bewusst, dass aufgrund beschränkter Erkenntnismöglichkeiten am Ende einer Diskussion häufig mehrere Antworten rational vertretbar bleiben.
  39. Zügele Deine Eitelkeit und versuche nicht, Deine Meinung um jeden Preis durchzusetzen. Durch ein Verhalten nach Art von Platzhirschen wird die richtige Beantwortung von Fragen nicht gerade gefördert.
  40. Zeige Deine Bereitschaft, richtige Gegenargumente als solche anzuerkennen und Irrtümer zu korrigieren.
  41. Respektiere die Fragestellung und das Erkenntnisinteresse desjenigen, der die Diskussionsrunde ins Leben gerufen hat. Es hindert Dich niemand, die für Dich wichtigen Diskussionen zu führen.
  42. Informiere Dich über den bisherigen Diskussionsverlauf, bevor Du in eine laufende Diskussion einsteigst. So kannst Du den Andern lästige Wiederholungen ersparen.
  43. Belaste die Diskussion nicht mit Beiträgen zu eher privaten Punkten, die nur einige Teilnehmer angehen.
  44. Nutze die Anonymität des Internet nicht zu Verhaltensweisen, die Du vor Dir selber eigentlich nicht rechtfertigen kannst.
  45. Behandle die Anderen so, wie Du von ihnen behandelt werden möchtest.
  46. Leiste Deinen Beitrag zu gegenseitiger Freundlichkeit und Höflichkeit auch und gerade deshalb, weil es sich um ein Streitgespräch handelt. Höflichkeit muss kein Hindernis für scharfe Gegenargumente sein.
  47. Erkläre die Diskussion von Deiner Seite aus für beendet, wenn Du feststellst, dass es dem Andern gar nicht um die richtige Beantwortung der gestellten Frage geht und/oder dass er sich nicht um Argumente bemüht, die auch von Dir verstanden und nachvollzogen werden können. Belege das von Dir missbilligte Verhalten in jedem Fall durch konkrete Beispiele.
  48. Erkläre die Diskussion für beendet, wenn Dir die erforderliche Einsichtsfähigkeit abgesprochen wird.
    Hierzu gehören Äußerungen wie:
    1. „Dir fehlt offenbar die nötige Intelligenz, um zu verstehen, was ich sage.“
    2. „Aufgrund Deiner Herkunft und Erziehung kannst Du ja nichts anderes glauben als das, was Dir eingetrichtert wurde.“
    3. „Du kannst meine Argumente nicht akzeptieren, weil das gegen Deine Interessen gehen würde.“
    4. „Du kannst gar nicht mitreden, weil Du selber eine solche Erfahrung noch nie gemacht hast.“
  49. Erkläre die Diskussion für beendet, wenn mit – manchmal auch versteckten – Drohungen oder Einschüchterungen gearbeitet wird. Verdeutliche dies jeweils anhand der betreffenden Äußerungen.
  50. Beende eine Diskussion, wenn keine neuen Argumente mehr eingebracht werden. Halte das Ergebnis fest – auch wenn es mager ist.

Quelle: http://www.ethik-werkstatt.de/Diskussionsregeln.htm